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Eine Minute an der Bar

Der italienische Espresso wird im Stehen getrunken, und die Bar ist der Ort, an dem ein Viertel dazugehört. Was davon nach Hause passt.

Two ceramic cups on an oak KUUDU board, concrete wall behind, a plant leaf in the foreground

Um halb acht steht in einer Bar in Bologna schon jemand am Tresen, den Ellbogen auf dem Marmor, die Tazzina vor sich, und liest die Schlagzeilen der Zeitung, die dem Nachbarn gehört. Hinter dem Tresen klappern Untertassen, die Maschine zischt, die Barista ruft „due caffè" in den Raum, und in der Zeit, die es braucht, einen Zuckerbeutel aufzureißen, ist der Espresso da. Man trinkt ihn in zwei Schlucken, legt eine Münze auf den Tresen und ist wieder auf der Straße. Der ganze Vorgang dauert eine Minute. Die Bar ist trotzdem der wichtigste Raum im Viertel.

Erst zahlen, dann bestellen

Wer zum ersten Mal in Italien Kaffee bestellt, macht es falsch, und die Barista lässt es ihn freundlich merken. In den meisten Bars zahlt man zuerst an der Kasse, bekommt einen Zettel, legt ihn mit einer Münze darauf auf den Tresen und sagt erst dann, was man möchte. „Un caffè" ist ein Espresso, nichts anderes; wer etwas anderes will, sagt es dazu. Am Tresen kostet er weniger als am Tisch, weil der Tisch Zeit bedeutet und der Tresen keine. Und der Cappuccino hat eine Uhrzeit: bis elf, mit dem Cornetto, danach bestellt ihn niemand mehr, der dort wohnt.

Die Bar ist der Ort, an dem in Italien alle gleich sind, der Anwalt neben dem Handwerker, für eine Minute, mit derselben Tasse in der Hand. In Neapel gibt es dafür sogar eine Einrichtung: den Caffè sospeso, den man mitbezahlt und der später an jemanden geht, der sich keinen leisten kann. Es gibt kaum einen zweiten Alltagsgegenstand, um den herum sich so viel Höflichkeit angesammelt hat wie um diese kleine Tasse.

Der Rhythmus des Tages

Der Espresso gliedert in Italien den Tag, wie anderswo die Uhr. Vor der Arbeit einer im Stehen, im Vorbeigehen. Gegen elf noch einer, wenn das Büro kurz leer wird und alle in derselben Bar stehen. Nach dem Mittagessen einer, ohne den das Essen nicht zu Ende ist; im Restaurant kommt er, ohne dass jemand fragt. Und abends, nach dem Essen mit Freunden, der letzte, manchmal corretto, mit einem Schuss Grappa, den die Gastgeberin eingießt, ohne zu fragen, ob man ihn will.

Keiner dieser Kaffees dauert länger als ein paar Minuten. Trotzdem sind es die Momente, an denen sich der Tag festhält: Man trifft dieselben Leute, an derselben Stelle, und redet über dasselbe. Der Espresso ist in Italien eine Verabredung, die man nicht absagen kann.

Was davon nach Hause passt

Die Bar lässt sich nicht importieren, der Ort schon. Wer zu Hause eine Coffee Bar hat, hat einen Tresen, an dem man steht, statt am Küchentisch zu sitzen, und das ist der ganze Unterschied. An der Tassenschiene hängen die Tazzine, sechs, weil sechs Leute nach dem Essen einen Espresso wollen; der Zucker steht in einem Glas, aus dem man mit dem Löffel nimmt; die Maschine auf Hüfthöhe, und man stellt sich davor, wie die Barista sich hinter ihren Tresen stellt, mit dem Rücken zur Küche und dem Gesicht zu den Gästen.

Was man außerdem mitnehmen kann, ist das Tempo. Ein Espresso zu Hause braucht weder Waage noch Stoppuhr, nur die Minute nach dem Essen, in der man am Tresen steht, die Tassen verteilt und noch einmal alle beisammen hat, bevor die ersten gehen. Dafür reicht der Platz, an dem eine Bar stünde; wie er bei uns aussieht, steht in Wo der erste Kaffee steht.

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